Eine Frau steht in einem Raum mit einer Plastiktüte über dem Kopf. Das soll die Plastikkrise wieder spiegeln.

Leben in der Plastikkrise: Recycling, Bio-Plastik und Verbraucher*innen auf dem Prüfstand

Überblick – worum es geht

Joghurt, Gummibärchen oder (Hafer-)Milch – sind lecker, aber in Plastik verpackt. Als Alternative greifen wir natürlich zum Behälter aus Glas, manchmal gibt es aber nichts anderes. Dann schleicht sich eine Plastikverpackung in unseren Haushalt.

Wenn wir mit ihr fertig sind, schmeißen wir sie weg. Einmal benutzt landet sie im gelben Sack. Da gehört eine Verpackung aus Kunststoff hin.

Doch was passiert mit einer Plastikverpackung, wenn wir sie wegschmeißen? Wird jede Plastikverpackung für neue Produkte wiederverwendet? Wie funktioniert das und was sind die Herausforderungen dabei? Solche Fragen beantwortet der im März 2020 veröffentlichte Bericht „Packing plastics in a circular economy“.

18 Monate forschten Wissenschaftler*innen der European Academies‘ Science Advisory Council (EASAC) zu Plastik in der Kreislaufwirtschaft. Entstanden ist ein Bericht, der Hintergründe, Entstehung, Verbrauch und Entsorgung von Plastik behandelt. Das Fazit der Wissenschaftler*innen lautet: Wir leben mitten in einer Plastikkrise. Der Umgang mit Plastikverpackungen in der EU muss sich ändern.

Wir von gaia haben uns den Bericht vorgenommen. Schließlich versuchen wir, genau gegen diese Plastikkrise anzugehen.

Was unserer Meinung nach wichtig ist, fassen wir hier zusammen. Im Folgenden geht es um das lineare System von Plastikverpackungen, um die Rolle der Konsument*innen, die Herausforderung im Recycling, Bio-Plastik als Alternative und was sich laut der EASAC ändern muss.

Das Problem des linearen Systems

Laut EASAC werden viele Plastikverpackungen in einem linearen System hergestellt. Zum Beispiel eine Kekspackung: Sie entsteht in einer Fabrik, landet im Supermarkt, wird gekauft – Packung auf, Kekse in den Mund und ab in den Müll. Schließlich landet sie auf einer Müllsortierungsanlange oder auf eine Deponie. Fertig. Dieser Weg, mit einem klaren Anfang (Herstellung) und Ende (Entsorgung), kennzeichnet das lineare System.

Eine Plastikverpackung durchläuft in diesem System folgende Schritte:

  1. Herstellung: Grundsätzlich wird aus (Erd-)Öl oder Gas ein Kunststoff abgeleitet, Benzin in einzelne Inhalte aufgespalten und mit den Kunststoffen verbunden. Dadurch entstehen unterschiedliche Formen, Farben, Stärken von Plastik. Zum Beispiel auch eine Verpackung für Kekse.

Hier wird dir erklärt, wie Plastik entsteht:

  1. Verwendung: Wir als Konsument*innen kaufen diese Verpackung und nutzen sie grundsätzlich nur einmal. Sie nennen sich deswegen Single-Use-Plastics (SUP’s).
  2. Entsorgung: Diese SUP’s laden nach der Nutzung entweder auf einer Deponie, werden verbrannt, manchmal recycelt oder landen (im worst case) direkt in der Umwelt.
 Top 10 der SUP‘s die sich an Stränden finden*
1 Getränkeflaschen, Kappen und Deckel
2 Zigarettenstummel
3 Wattestäbchen
4 Süßwarenverpackungen
5 Sanitäre Anwendungen
6 Plastiktüten
7 Besteck, Strohhalme und Rührstäbchen
8 Trinkbecher und Deckel
9 Luftballons und Ballonstöcke
10 Lebensmittelbehälter inkl. Fast-Food-Verpackungen

*Quelle: EASAC „Packing Plastics in a Circular Economy“ S. 14

Wenn Vielfalt zum Problem wird – Recycling von Plastik

Schafft eine Plastikverpackung es in eine Müllsortierungsanlage, wird sie im besten Fall recycelt. Doch auch hier entstehen technische Herausforderungen.

  • Plastik ist nicht gleich Plastik. Es gibt viele unterschiedliche Arten von Stoffen, die nicht alle gleich entsorgt werden können.
  • Plastikverpackungen bestehen oft aus unterschiedlichen Materialien. Ein Kaffeebecher besteht aus Papier, einer dünnen Plastikbeschichtung und einem weißen Plastikdeckel. All das landet zusammen im Müll und ist während des Recycling-Prozesse schwer zu trennen. Haben die Produkte eine dunkle Farbe, ist es noch schwerer. Ein Scanner erkennt sie nicht richtig und sortiert sie falsch aus.
  • Wenn Essenreste (wie bei einem Joghurtbecher) oder andere Reste an einer Verpackung sind, erschwert das den Prozess. Dadurch wird die Verpackung falsch aussortiert oder womöglich nicht recycelt.
  • Schmilzt Plastik, ändert sich die Molekülstruktur. Das neue Produkt, kann dadurch Eigenschaften haben, die nicht vorherzusehen sind. Das birgt eine große Unsicherheit.

Um diese Herausforderung zu bewältigen, formulieren Wissenschaftler*innen des EASAC eine Hierarchie innerhalb des Recyclingprozesses:

  1. Geschlossener Kreislauf: Ein Produkt entsteht immer aus dem gleichen Material. So wie es bei PET-Flaschen der Fall ist.
  2. Offener Kreislauf: Ist ein geschlossener Kreislauf nicht möglich, wird das Plastik downgecycelt. Dafür wird es für Produkte wiederverwendet, bei denen es nicht auf bestimmte Eigenschaften ankommt. Zum Beispiel als Ergänzung in Fleecejacken.
  3. Chemische Verwertung: Wenn die beiden Möglichkeiten nicht funktionieren, wird Plastik in verschiedene chemische Stoffe aufgespaltet. Diese werden an anderer Stelle wiederverwertet.
  4. Energiegewinnung: Funktioniert keine der Maßnahmen ist eine Verbrennung von Plastik möglich, bei der es zu neuer Energiegewinnung kommen kann.

Hier kannst du sehen, wie Plastikmüll in der Regel in Deutschland recycelt wird:

Manchmal ist die Reise aber nicht zu Ende. Tatsächlich verschiffen reiche Länder ihren vermeintlich recycelten Plastikmüll in ärmere Länder. Grund dafür sind auch die niedrigeren Lohnkosten der Arbeiter*innen. Die entsorgen den Müll und sind auf die Einnahmen durch die Müllentsorgung angewiesen. Auch wenn der Müll recycelt wird, kümmern sich reiche Länder also nicht immer selbst um ihren Müll, sondern lassen ihn von anderen entsorgen. Es gibt somit nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein ethisches Problem innerhalb des linearen Systems.

Wie könnte sich diese Situation ändern? Laut EASAC durch eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft von Plastikprodukten. Plastikverpackungen müssen nicht nur entsorgt, sondern mehrmals verwendet und anders recycelt werden.

Die Rolle der Konsumenten und Konsumentinnen

Bevor sie allerdings recycelt werden, landen Produkte in den Händen der Konsument*innen. Die Menschen spielen eine wichtige Rolle in der Nutzung von Plastik. Ohne unsere Unterstützung ist eine Reduzierung von Plastikmüll nicht möglich. Schließlich legen wir die Verpackungen in unseren Einkaufswagen und entscheiden, ob wir Plastik benutzen oder eben nicht.

Der Preis ist heiß

Unser Verhalten ist dabei vor allem von einer Sache beeinflusst – dem Preis. Das Wissen über das Ausmaß unseres Verhaltens ist laut EASAC nicht besonders ausschlaggebend.

Innerhalb des Reports wird dafür das Beispiel der Gebühren auf Plastiktüten im Supermarkt genannt. Studien zeigen deutlich: Selbst kleinste Beträge ändern das Verhalten der Menschen. Wurde für Plastiktüten Geld verlangt, reduzierte sich der Verbrauch in der Regel um 90%. Auch in Deutschland. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Einkaufstüten aus Plastik ging in den letzten Jahren zurück.

2020 sollen Plastiktüten sogar verboten werden: 

Bio-Plastik als Lösung?

Aber was ist mit den Bio-Alternativen? Plastikbecher aus Zuckerrohr, Mülltüten aus Mais – ist das vielleicht eine Lösung, weil sie biologisch abbaubar sind?

Nein. Laut EASAC sind Plastikprodukte aus biologischen Materialien keine Alternative.

Das liegt vor allem an den Anforderungen an Plastik. Es soll lange halten und möglichst stabil sein. Solche Anforderungen stehen mit einem schnellen und nachhaltigen Abbau im Gegensatz.

Tatsächlich gibt es Produkte, die sich stückweise in der Natur oder in einem Kompost abbauen. Aber selbst dann dauert der Prozess immer noch sehr lange. Auch zu lange für die industrielle Verwertung. Die sortiert kompostierbare Bio-Plastiktüten aus dem Bio-Müll raus.

Probleme entstehen außerdem durch irreführende Labels. Auch wenn Bio draufsteht, ist die Verpackung trotzdem eine Belastung für die Umwelt. Hinzu kommen die Unterschiede zwischen den EU-Ländern. Anstatt eines Labels verwenden viele Länder eigene Zertifikate. Einen europaweiten Standard für die Entsorgung von Plastik, egal ob bio oder nicht, gibt es nicht.

Hier kannst du sehen, was mit einer kompostierbaren Mülltüte passiert:

Forderungen an die Politik – das muss sich ändern

Nach der Veröffentlichung formulierte die EASAC sieben Forderungen an die Politik. Die Wissenschaftler*innen zählen auf, was sich in Zukunft innerhalb Europas im Umgang mit Plastikverpackungen ändern müsste.

1. Keine Exporte mehr von Plastikmüll

Die EU exportiert recycelten Plastikmüll in andere, ärmere Länder. Dieser Plastikmüll ist oft schwer zu verwerten und landet in der Natur und den Ozeanen. Dabei sollte Müll, der in Europa produziert werden auch in Europa bleiben. Aus ökologischer und ethischer Sicht.

Hier recherchiert das Y-Kollektiv den Müll-Exporten hinter her:

2. Zero-Plastic-Waste-Deponien

Ziel sollte eine Deponie ohne Plastikmüll sein. Außerdem muss der Konsum minimiert und Plastik mehr als einmal benutzt werden. Vor allem durch einen geschlossenen Kreislauf in der Nutzung von Plastik.

3. Erweiterung der Herstellerverantwortung

Hersteller und Herstellerinnen großer Mengen von Plastik sollten Plastik-Gebühren zahlen. Es sollte eine Steuererweiterung und Vergünstigung auf recycelte Kunststoffe geben. Alles mit dem Ziel, Hersteller zu besseren Optionen im Sinne der Umwelt zu zwingen.

4. Transparenz bei Bio-Alternativen

Zu behaupten, es gebe biologische Alternativen zu Plastik, ist irreführend.

Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Plastikprodukten, die sich – und das auch nur sehr langsam – in der Natur abbauen.

Außerdem bedeutet der Verweis auf „Bio“ nicht, dass sich das Plastik biologisch abbaut. Wir brauchen zusätzlich eine europaweite Kennzeichnung bei Plastikverpackungen.

 5. Fortschrittliche Technologie

Produkte aus unterschiedlichen Plastikstoffen sollten reduziert werden. Es braucht eine klare Hierarchie, wie beim Recycling von Plastikmüll vorgegangen wird.

6. Begrenzung der Additive und Harze zur Verbesserung des Recyclingprozesses

Viele Hersteller und Herstellerinnen zeigen zu wenig Interesse an der Benutzung ihrer Produkte. Würden Hersteller und Herstellerinnen auf unterschiedliche Basisprodukte verzichten, vereinfacht sich auch das Recycling.

7. Preisregulierungen für Plastik

Einfaches Plastik ist zu günstig. Doch die Kosten beinhalten in der Regel nicht die Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesellschaft. Diese Kosten nicht zu berücksichtigen, macht es für Alternativen schwer, sich preislich gegen Plastik durchzusetzen.

Wie der Bericht zeigt: Konsument*innen werden vor allem durch den Preis eines Produktes beeinflusst (zum Beispiel bei den Gebühren auf Plastiktüten). Deswegen sollte es eine Plastiksteuer oder einen vorgeschriebenen Mindestanteil an recyceltem Material geben.

Das gaia-Fazit – was nun?

Wir wussten es doch! Plastik ist böse. Auch wenn die Verpackung aus biologischen Rohstoffen besteht – sie baut sich zu langsam ab. Natürlich finden wir es super, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Einkaufstüten aus Plastik zurück gegangen ist. Aber wir glauben, da geht noch mehr. Selbst wenn laut EASAC das Wissen um den ganzen Plastik-Mist nicht besonders ausschlaggebend ist, glauben wir trotzdem an uns. Denn jeder Mensch kann die Welt verändern.

Wenn es also sein muss, trotzen wir auch der Wissenschaft und zeigen, was wir alles erreichen können. Mit dem Wissen um eine Plastikkrise, mit Informationen und unseren Bienenwachstüchern. Denn (kleine Kritik) solche Alternativen tauchen in dem Bericht kaum auf.

Wenn du noch mehr wissen willst, empfehlen wir dir den ganzen Bericht. Du kannst ihn kostenlos auf der Webseite der EASAC downloaden.

Wir hoffen es geht euch gut! Gemeinsam einsam überstehen wir Corona- und Plastikkrise. Zeigt uns gerne auf Instagram, was ihr alles macht! Wir freuen uns über jeden #machdasbestedraus und #stayathome. Und natürlich gilt immer noch: Tschüss Plastik!

Titelfoto: Unsplash/Daniel Chekalov

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