Lisa van Houtem von femtastics steht vor einer Wand und lÀchelt in die Kamera.

“Ich sag mir immer, dass alles nur eine Phase ist” – ein Interview mit Lisa von femtastics

Manchmal braucht es Vorbilder, an denen wir uns orientieren können. Um sie geht es in unserer Reihe THE FUTURE IS EQUAL. Wir sprechen mit Menschen, die uns inspirieren und reden mit ihnen ĂŒber ihr berufliches Leben, Herausforderungen und Nachhaltigkeit.

Warum? Weil wir bei gaia glauben, dass jeder Mensch die Welt verÀndern kann. Und wenn wir sehen, wie andere sie verÀndern, können wir uns vielleicht was abgucken, es genauso oder ganz anders machen. Hauptsache wir lernen voneinander und gehen gemeinsame Schritte in Richtung nachhaltiges Leben.

Dieses Mal geht es um Lisa van Houtem. Vor fĂŒnf Jahren veröffentlichte sie mit zwei Kolleginnen das Online-Magazin femtastics, grĂŒndete eine Agentur und schob 2018 das  MĂ€nnermagazin homtastics hinterher.

Wer die Magazine noch nicht kennt, sollte das Ă€ndern. Denn sie zeigen wie Lifestyle, Feminismus und interessanter Journalismus zusammenpassen. Im folgenden Interview erzĂ€hlt uns die 37-JĂ€hrige, wie alles losging, was einer ihrer grĂ¶ĂŸten Stressfaktoren ist und welches Ziel sie sich fĂŒr die Magazine gesetzt hat.

gaia: 2015 habt ihr zu dritt femtastics gegrĂŒndet. Wie ist die Idee entstanden?

Lisa: Wir haben alle drei im selben Verlag gearbeitet und waren nicht mehr so happy mit unserem Job. Die Strukturen waren schwierig und der Onlinejournalismus bekam nicht die WertschĂ€tzung, die er zu dem Zeitpunkt verdient hĂ€tte. Das hat uns gestört. Außerdem war uns aufgefallen: Es gab zu wenig digitale BĂŒhnen fĂŒr starke Frauen und Role Models. Eine neue Feminismus-Bewegung lag in der Luft.

gaia: WĂŒrdest du sagen, dass ihr mit der Idee ein gutes Timing bewiesen habt?

Lisa: Frauenmagazine gab es ja schon. Aber die haben sich sehr auf diese Klischeethemen wie DiÀten, Mode, Beauty und Co. fokussiert. Das wollten wir Àndern und zeigen, wie Lifestyle und Feminismus zusammenpassen können. Wir wollten die starken Frauen und ihre Botschaften mehr in den Vordergrund stellen. Aber wenn man sieht, was danach alles entstanden ist, kann man das schon so sagen, ja.

“Dass jahrzehntelang mĂ€nnliche Chefredakteure Frauenmagazine geleitet haben, hat dagegen kaum jemanden gestört.”

gaia: 2018 folgte homtastics. Hattet ihr von Anfang an die Idee, ein MĂ€nnermagazin zu machen?

Lisa: Die Idee kam uns irgendwann, der letzte Impuls fĂŒr die Umsetzung kam von den Lesern. Die sind auf uns zugekommen und haben gefragt: „Warum macht ihr das nicht auch fĂŒr Jungs?“ Es gibt ja viele coole und feministische Typen da draußen, aber wenig Onlinemagazine, die diese MĂ€nner abholen.

gaia: Bisher schreibt aber keiner dieser coolen und feministischen MĂ€nner fĂŒr homtastics.

Lisa: Leider haben sich bisher keine schreibenden MĂ€nner gemeldet. Wir können das hier gerne als Aufruf nutzen. Wir wĂŒrden uns ĂŒber freie, mĂ€nnliche Autoren freuen. Es sorgt manchmal fĂŒr Irritation, dass das Magazin von drei Frauen gemacht wird. Viele haben uns gefragt, ob wir uns dafĂŒr einen Mann in unser Dreier-Team holen. Dass jahrzehntelang mĂ€nnliche Chefredakteure Frauenmagazine geleitet haben, hat dagegen kaum jemanden gestört.

 

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gaia: Zwei Magazine und eine Agentur – das klingt nach viel Arbeit. Wie gehst du mit dem ganzen Stress um

Lisa: Das ist ein Thema, das mich besonders in der Corona-Krise wie viele andere auch beschĂ€ftigt. Nicht, weil ich vorher keinen Stress hatte, aber er fĂŒhlt sich jetzt anders an. Ich habe eine einjĂ€hrige Tochter und durch das Mutter-Sein ist eine andere Verantwortung da. Home Office mit Kleinkind ohne zusĂ€tzliche Betreuung ist nicht zu schaffen, das geht nur dank meiner Co-GrĂŒnderinnen. Ich versuche einen guten Umgang mit Stress zu finden und habe fĂŒr mich ein paar Mantras entwickelt.

gaia: VerrÀtst du uns welche das sind?

Lisa: Ich sag mir immer, dass alles nur eine Phase ist und vorbei geht. Das trifft zum GlĂŒck auf viele Dinge zu. Und man muss als selbststĂ€ndige Unternehmerin mit Kind Sachen loslassen. Also sich fokussieren und schauen: Wo stecke ich jetzt Zeit und Energie rein und was lasse ich jetzt einfach weg? Ein großer Stressfaktor war fĂŒr mich das Aufschieben von Aufgaben. Egal ob Anmeldung bei der Kita oder ein dreckiger Teller nach dem Essen – ich habe oft Momente, in denen ich denke: Ach komm, das machst du spĂ€ter. Wenn ich aber die Aufgaben direkt erledige, bin ich viel freier. Das war fĂŒr mich das grĂ¶ĂŸte Learning.

“Man backt sich schließlich einen Traumjob und das ist es wert.”

gaia: Thema Learning – was wĂŒrdest du anderen raten, die sich selbststĂ€ndig machen wollen?

Lisa: Ich wĂŒrde immer dazu raten, sich Co-Founder zu suchen. Man braucht gute Sparringspartner zum Austauschen, Reflektieren und um den Weg gemeinsam zu definieren. Ansonsten ist wichtig: Sich selbst zu vertrauen, nicht zu viel Angst zu haben und risikobereit zu sein. Außerdem muss man bereit sein, Abstriche zu machen. Auch was den eigenen Lebensstandard betrifft.

gaia: Musstest du deinen Lebensstandard zurĂŒckschrauben?

Lisa: Ja, ich bin in eine gĂŒnstigere Wohnung gezogen. Mir war wichtig, dass ich die Miete weiterhin zahlen kann und ein paar andere Sachen habe ich mir verkniffen. Aber das fĂŒhlte sich nicht schlimm an. Man backt sich schließlich einen Traumjob und das ist es wert. Es gab auch Monate, da konnten wir uns nur ein paar hundert Euro auszahlen. Wir sind eigenfinanziert und haben komplett ohne Fremdkapital gegrĂŒndet. Wir mussten von Anfang an Geld verdienen. Von Vorteil ist es da, wenn man einen Dispo hat. Ohne den hĂ€tte ich es nicht geschafft.

gaia: Bist du zufrieden wie sich die Magazine jetzt entwickeln?

Lisa: Ich bin schon zufrieden mit dem, was wir ĂŒber die Jahre geschafft haben, wie viele Frauen und MĂ€nner wir portrĂ€tiert und vernetzt haben – und dass es uns immer noch gibt. Es gibt aber noch viel zu tun, wir mĂŒssen dringend noch diverser werden. Das ist unser Ziel sowohl fĂŒr die Protagonist*innen als auch fĂŒr das Team aus freien Autor*innen und Fotograf*innen. Unser VerstĂ€ndnis von einem modernen Feminismus ist, dass er alle mitnimmt.

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Titelfoto: Sevda Albers

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